Losung des Tages

Mittwoch, 28.10.2020

Wo ist ein Fels außer unserm Gott?

Psalm 18,32

Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

1. Korinther 3,11

Aktuelles

Das höchste Gebot

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Liebe Gemeinde,

im Evangelium für den kommenden Sonntag wird die Frage nach dem wichtigsten Gebot beantwortet:

 

28 Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? 29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5.Mose 6,4-5). 31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

 

Normalerweise begegnen uns Schriftgelehrte in der Bibel als Gegner Jesu. Auch Markus zeichnet ein negatives Bild von den Schriftgelehrten. Ihren Grund hatte diese Gegnerschaft darin, dass die Schriftgelehrten und Jesus unterschiedlicher Meinung darüber waren, wie die Tora, unser Altes Testament ausgelegt werden soll. Als ich diese Stelle das erste Mal las, dachte ich, dass es hier ebenfalls wieder zu einem Streit kommen würde. Mir kam die Frage provokativ vor: „Welches ist das höchste Gebot?“ Mit dieser Frage wendet sich der Schriftgelehrte an Jesus. Was ist das Entscheidende? Woran soll ich mich grundlegend orientieren. Welchen Anforderungen muss ich genügen, welchen Erwartungen gerecht werden? Vor meinem inneren Auge tauchten zahlreiche Gebote und Forderungen auf. Zum Beispiel die zehn Gebote:„Du sollst nicht stehlen, nicht töten, nicht ehebrechen“ Welches davon könnte das Wichtigste sein? Das Tötungsverbot? Oder doch ein anderes? Für einen gelehrten Juden gab es noch viel mehr Auswahl: nach jüdischen Verständnis enthält die Thora über 5000 Gebote. Die Frage nach dem wichtigsten Gebot war also nicht einfach eine Wissensfrage, sondern die Frage nach dem Kern von der Ethik Jesu. Es war die zentrale Frage.

Aber der namenlose Schriftgelehrte will diesen besonderen Rabbi Jesus gar nicht aufs Glatteis führen. Markus erzählt ausnahmsweise an dieser Stelle von einer freundschaftlichen Begegnung zwischen einem Schriftgelehrten und Jesus. Denn Jesus ist nicht verärgert oder nachdenklich. Er zögert mit seiner Antwort keine Sekunde: „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das höchste Gebot ist ebenso schlicht wie allumfassend. Es hat zwei Teile, die ohne einander nicht denkbar sind. Eindrücklich, ohne jeden Unterschied erzählt Markus: der Schriftgelehrte und Jesus sind sich einig. Der jüdische Theologe stimmt Jesus sofort zu, als er dessen Antwort hört: „Schön, Meister, und der Wahrheit gemäß hast du das gesagt!“ Es ist also kein unversöhnlicher Gegensatz zwischen dem Rabbi und Jesus. Das Liebesgebot, das Jesus verkündigt, ist nicht neu. Es trennt nicht die Christen von den Juden, die Liebe von den Gesetzen. Denn Jesus zitiert bei seiner Antwort die Thora, das Alte Testament: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott ist allein Herr, und du sollst deinen Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand und mit all deiner Kraft.“ (5. Mosebuch 6,4f). Das ist das zentrale Glaubensbekenntnis Israels, das Schma Jisrael, das Juden und Jüdinnen noch heute in ihrem täglichen Gebet bekennen. Genauso ist der zweite Teil: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ keine Erfindung Jesu. Auch es steht bei Mose (3. Mose 19,18f). Das Besondere liegt darin, dass Jesus diese beiden Gebote heraushebt aus den vielen anderen Geboten, sie zusammenstellt und in unauflösliche Beziehung zueinander bringt. In diesen beiden Geboten sind alle anderen enthalten.

Das höchste Gebot ist also das Gebot der Nächstenliebe. „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Was bedeutet aber dieses Gebot nun? Seinen Nächsten lieben wie sich selbst? Nächstenliebe beginnt damit, dass wir die andern Menschen überhaupt einmal wahrnehmen. Es macht die Menschen um uns herum zu unseren Nächsten. Wir sind mitverantwortlich für ihr Leben und Wohlergehen. Es ruft uns zu aufmerksamer und tätiger Solidarität, zu Anteilnahme und Teilen. Gerade in Zeiten wie diesen ist das Gebot der Nächstenliebe wichtig. Es umfasst das ganze Geflecht zwischenmenschlicher, persönlicher, beruflicher und geschäftlicher Beziehungen.Die Gesellschaft und jeder einzelne hat eine Mitverantwortung für den Nächsten, für die Kranken und die Arbeitslosen, die Alten und die Kinder. Zum Schluss möchte ich hier noch eine kleine Geschichte erzählen: Ein Rabbi fragte seine Schüler: „Wie erkennt man, dass die Nacht zu Ende geht und der Tag beginnt?“ Die Schüler fragten: „Ist es vielleicht dann, wenn man einen Hund von einem Kalb unterscheiden kann?“ „Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es dann, wenn man einen Feigenbaum von einem Mandelbaum unterscheiden kann?“ „Nein“, sagte der Rabbi. „Wann ist es dann?“ fragten die Schüler. „Es ist dann“, sagte der Rabbi, „wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester und deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.”

 

Auf Wiedersehen

 

Ihr Vikar Joachim Ernst

„Der Monat” und unser Gemeindeteil für Friedrichshofen

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